Alle Beiträge von Bach Ensemble Luzern

2016 Rückblick – Ausblick – Weitblick

20Es gibt über das Programm 2017 kein Geheimnis mehr zu lüften, das wurde an der letzten GV angesprochen, ist überdies auch auf der Homepage einsehbar. Doch davon später…

Das Bachensemble-Jahr 2015 hat gehalten, was es versprochen hat. Die Reise mit Trompetenkonzerten, hinreissend gespielt von Immanuel Richter, hat bleibende Eindrücke hinterlassen. Ein hochkarätiger Interpret, der mit spielerischer Leichtigkeit schlicht verblüffte, liess alle den Spass am Musizieren spüren. Nicht nur in den Konzerten, auch in den Proben versprühte er dies, in unkomplizierter, bescheidener Art. Das bleibt haften und ist vorbildlich.

Die Kombination mit den bekannten und weniger bekannten Bach-Kantaten bewährte sich. Und das kommende Programm 2015 gor fast gleichzeitig wie jenes vom letzten Jahr. So geht es also dieses Jahr wieder ähnlich zu und her. Nur die „Farben“ ändern ein bisschen.

Wie entsteht ein solches Jahresprogramm? Zuerst herrscht wochenlanges Brüten. Dann entsteht eine Folge von Ideen; noch einmal ein “Jahressolist“, sprich wieder grosses Kaliber, zum Beispiel ein Geiger. Antonio Vivaldi bietet sich an in unserem musikalischen Umfeld. Und dann die „Quattro Stagioni“. Ziemlich genau in diesen Jahreszeiten haben wir unsere Konzerte mit dem ganzen Ensemble. Bruchstücke nehmen Formen an: Von Vivaldi gibt es lauter gute Vokalmusik. Einiges davon haben wir schon gemacht, anderes steht schon länger in der Warteschlaufe. Damit entsteht wieder ein Leitgedanke. Dann der nächste: Bach-Kantaten, Fortsetzung von 2015, nämlich solche, die noch nie auf unseren Programmen standen, und andere, die Teil unseres Repertoires sind. So, das Programm ist nun schon fast ausgegoren.

Fehlen noch ein paar Details. Kaum hat unser wunderbarer Solist Daniel Dodds den „Frühling“ gespielt – schups – schon ist er wieder weg. Das geht so nicht, bringt Werkproportionen aus dem Gleichgewicht. Also bitte noch ein zusätzliches Violinkonzert aus der Vivaldischen Feder. Und da ich oft zyklisch denke und mich um Zusammenhänge bemühe, wollte ich auch hier Zusammenhängendes anstreben. Von den 241 (sic!) Violinkonzerten Vivaldis sind einige in Werkgruppen zusammengefasst, die da heissen „L’Estro Armonico“, „La Cetra“ oder „La Stravaganza“. Aus letztgenanntem Zyklus hat Daniel Dodds drei Werke ausgewählt und vervollständigt damit unser Programm. So verspricht auch dieses Jahr wieder vieles, worauf wir uns freuen können.

Da wäre noch etwas über das Weihnachtskonzert zu sagen, aber davon später…Und es beginnt zu gären über 2018, doch davon später…

Franz Schaffner

Interview mit Franz Schaffner zum Weihnachtskonzert 2015 im KKL Luzern

Warum gibt das Bach Ensemble seit 15 Jahren jedes Jahr vor Weihnachten ein Konzert im KKL? Und warum sind diese Konzerte so beliebt?

Das Bach Ensemble hat ein eigenes Profil und geniesst eine verankerte Position im einheimischen musikalischen Schaffen Luzerns. Es hat im KKL die Möglichkeit, mehr als in kleineren Kirchenräumen, ein grosses Publikum zu erreichen. Der durchwegs positive Erfolg gibt dem Ensemble Recht. Die Zeit unmittelbar vor Weihnachten kommt der Musik, die das Ensemble hauptsächlich pflegt, durchaus entgegen. So ist daraus ein selbstgewählter kultureller Auftrag entstanden.

 

Am diesjährigen Weihnachtskonzert kommen zwei Kantaten, eine Motette sowie eine Orchestersuite von Bach und das Trompetenkonzert in Es-Dur von Joseph Hayden zur Aufführung. Aus welchem Grund haben Sie ausgerechnet diese Werke ausgewählt?

Das Programm ist gleichsam eine Zusammenfassung unseres Jahres. Wir haben uns wieder intensiv mit Kantaten von Johann Sebastian Bach auseinandergesetzt. Dazu stand jeweils ein Trompetenkonzert auf dem Programm. Immanuel Richter hat diese Werke sehr klug gewählt: Sie haben eine Chronologie der Trompetenliteratur geschrieben

Die ausgewählten Werke geben auch einen Einblick in unser Schaffen, in unsere Repertoirepflege: Da ist Chorisches relativ stark gewichtet. Das Orchester soll auch ein bedeutendes Wort zu sagen haben. Und schliesslich bildet das Instrumentalkonzert, diesmal mit dem berühmten Trompetenkonzert von Joseph Haydn, den krönenden Abschluss unserer Reihe.

 

Man könnte Sich fragen, was die beiden Kantaten und die Motette  mit Weihnachten zu tun haben. 

Beide Kantaten sind für Weihnachten komponiert: BWV 40 „Dazu ist erschienen“ für den 2. Weihnachtstag, BWV 110 „Unser Mund sei voll Lachens“ für den ersten Weihnachtstag. Die Bestimmung der Motette „Singet dem Herr ein neues Lied“ ist nach wie vor nicht restlos geklärt. Ihre freudige Stimmung und ihre Ernsthaftigkeit ebenso sind aber für viele Anlässe vorstellbar. Genauso ist es mit dem Haydn-Konzert, dessen Festlichkeit und Feierlichkeit ganzjährig hält.

 

Passt liturgischer Musik überhaupt ins KKL?

 Liturgische Musik kann überall sein. Die festliche Atmosphäre des ganzen Programmes ist für die Salle Blanche wunderbar geeignet. Umgekehrt ist heute weltliche Musik in sakralen Räumen kein Tabu mehr.

 

Warum musiziert in diesem Jahr Immanuel Richter als „Artiste in résidence“ mit dem Bach Ensemble?

Wir haben 2012 mit dieser Idee angefangen, Mozarts Hornkonzerte während eines Jahres aufzuführen, immer mit demselben Solisten. Der zyklische Gedanke war dabei ein wichtiger. Das Konzept bewährte sich gut, sodass sich eine Fortsetzung der Idee aufdrängte, diesmal mit Trompetenkonzerten. Die hochbegabten Solisten vermitteln dem Publikum Ihre hohe Qualität des Musizierens, zudem sind sie immer eine Bereicherung für unser Ensemble.

 

Was steht in den nächsten Jahren auf dem Programm?

Die Programmierung mit Solokonzerten wird nächstes Jahr weitergeführt: Violinkonzerte von Antonio Vivaldi, gespielt durch den fabelhaften Daniel Dodds. Dies kombinieren wir mit Kantaten von Bach, und auch mit bekannten oder weniger bekannten Chorwerken von Vivaldi. Das ergibt wiederum ein geschlossenes Ganzes. Einige Werke von Bach bilden auch eine Brücke zum Jahr 2017, wo wieder ganz grosse Werke wie Johannespassion, h-Moll Messe und Weihnachtsoratorium auf den Programmen stehen.

 

Hört sich spannend an! Wir danken für das Interview und freuen uns auf einen krönenden Abschluss des Konzertjahres 2015 und wundervolle Konzerte im neuen Jahr.

 

 

 

 

Das Bach Ensemble und Weihnachten im KKL

Ein Gastbeitrag von Vreni Scheidegger-Künzi

Als ehemalige Chor-Sängerin und Sekretärin des Bach Ensemble Luzern habe ich Gelegenheit erhalten, in meine Erinnerungen einzutauchen und Ihnen etwas zu erzählen.

Um die Jahrtausendwende brüteten wir anlässlich einer unserer Vorstandssitzungen, die damals noch bei Hanna und Franz Schaffner in der gemütlichen Wohnstube stattfanden, wieder einmal übers Thema Finanzen.   Unsere Konzerteinnahmen und die Mitgliederbeiträge reichten kaum mehr aus, um die oft defizitären Konzerte zu finanzieren. Wie also kamen wir zu mehr Einnahmen?   Neue Ideen wurden geäussert wie etwa mehr Sponsoren, bessere Plakatierung, Mund-zu-Mund-Werbung durch Chormitglieder, etc. Vieles wurde an diesem Abend diskutiert, wieder verworfen, bis … ja bis dann plötzlich unser damaliger Werbeverantwortliche Alfons Krieger fragte: Warum gehen wir nicht ins KKL? Ungläubiges Staunen, Seufzen und wenn und aber… Doch bei genauerem Hinsehen wussten wir, dass jeder Luzerner-Verein einmal pro Jahr Gelegenheit hat, den grossen Konzertsaal im KKL zu günstigeren Konditionen zu erhalten. Die anfängliche Skepsis verwandelte sich urplötzlich in eine grosse Euphorie. Wir waren alle Feuer und Flamme und wussten, dass es sich lohnt, diesen doch etwas riskanten Versuch zu wagen. Doch mit welchem Programm sollten wir auftreten? Für unseren einmaligen und begeisterungsfähigen Dirigenten Franz Schaffner war sofort klar, dass es das Weihnachtsoratorium sein sollte, welches bereits im Jahresprogramm eingeplant war. Wir hatten aber grossen Respekt, dieses Werk in seiner ganze Länge in einem Konzert zu musizieren. Uns so griffen wir zu einem besonderen Trick. Wir buchten das KKL für das Jahr 2000 am 16. Dezember um 19.30 Uhr und führten die Teile 1 bis 3 auf. Am 2. Januar 2001 spielten und sangen wir die Teile 4 bis 6. Wir hofften, auf diese Weise unsere Konzertbesucher zwei Mal bei uns zu haben und es sei hier vorweggenommen, unsere Rechnung ist aufgegangen.

Der damalige Präsident, Franz Fischer anerbot sich, die Konzertkarten kostenneutral für uns zu gestalten und zu drucken. Der Vorverkauf wurde über das Kulturforum, welches damals noch im Bourbaki-Panorama beheimatet war, abgewickelt. Der Versand aller Tickets wurde von uns selber erledigt. Dies alles, um möglichst wenig Kosten zu generieren. Sie glauben gar nicht, wie viele interessante Kontakte ich damals am Telefon und bei privaten Begegnungen knüpfen konnte in der Hoffnung, all diese Leute weiterhin fürs Bach Ensemble zu begeistern.

Es gab doch auch schlaflose Nächte, wenn ich wieder Auskunft geben musste über die Anzahl verkaufter Karten. Ob wir wohl den 4. Balkon öffnen sollten? Und wie wäre es mit der Chorempore? Dann war auch noch die Frage mit dem Tenue: Schwarz lang für die Damen, damals noch ohne Schal und bitte schwarze Strümpfe oder Socken und schwarze Schuhe. Für die Herren natürlich schwarzer Anzug, weisses Hemd und was alles dazu gehört.

Dann kam nach intensiver Probearbeit die erste Probe auf der grossen Bühne, die für uns alle die Bretter waren, die die Welt bedeuteten. Erstmals blickten wir von der Bühne in den grossen Saal und stellten uns vor, wie das wohl sein würde, wenn uns soooo viele Leute anschauen und etwas von uns hören möchten. Als die ersten Paukentöne erklangen, wurde auch dem letzten von uns bewusst, dass es nun ernst gilt. Aber was war bloss los? Wir hörten uns einfach nicht mehr gleich gut wie im kleinen Probesaal, wir schauten zu Franz und waren total verunsichert. Mit seiner ruhigen, dezidierten und klaren Art gelang es ihm, uns die Richtung zu weisen, in welche unsere Weihnachtsgeschichte gehen solle. Langsam aber sicher gewöhnten wir uns an die neue Umgebung, an die Techniker, die immer wieder etwas korrigierten, die Echokammern noch öffneten, an all das Neue und noch Unvertraute. Viele Unterbrüche wurden nötig bis wir zurückfanden zu unserer Vertrautheit im Chor, zu unserem Familiengefühl, welches massgebend war, damit wir begannen, uns auf die Aufführung zu freuen. Uebrigens – diese Gemeinsamkeit, dieses „Ensemble-Gefühl“ ist bis heute im Bach Ensemble spürbar und dafür dürfen wir Franz Schaffner gewaltig dankbar sein.

Der grosse Abend kam und wir sammelten all unsere Energie und unseren Mut, um ein schönes Konzert aufzuführen. Unsere Solisten waren damals Barbara Locher, Sopran, Liliane Zürcher, Alt, Cornel Frey, Tenor und Peter Brechbühler, Bass. Sie waren unsere Sterne an diesem Abend und wir wollten Franz Schaffner auch mit unserer Leistung als Chor zufrieden stellen. Der Einmarsch auf die Bühne klappte hervorragend. Das Gefühl, in die Menschenmenge zu schauen und zu wissen, dass wir alle für diese Menschen Musik machen dürfen, war einfach überwältigend. ich kann Ihnen nicht beschreiben wie es mir damals ging – das muss man erleben.

Die Pauken ertönten, wir begannen zu jauchzen und zu frohlocken und priesen die Tage, es war für mich einmalig und ich denke nicht nur für mich.

Die Kritik in der Presse war dann jedoch etwas verhalten. Das hatte zur Folge, dass Franz Schaffner für das Konzert vom 2. Januar, also für die Teile 4 bis 6 die Echokammern schliessen liess. Die Presse berichtete darauf: Das Bach Ensemble war nicht wiederzuerkennen, wie ausgewechselt. Und wirklich, es war hörbar viel besser als das erste Konzert – und auch wir waren wohl noch motivierter und wollten einfach zeigen, dass wir mehr können

Seither gastiert das Bach Ensemble regelmässig fürs Weihnachtskonzert im KKL. Der Erfolg hat uns damals Recht gegeben und das wunderschöne dunkelblaue Plakat, welches von unserem damaligen Verantwortlichen Armin Wey gestaltet wurde, hängt noch heute in meinem Zimmer. Im Jahr 2004 wurde das Weihnachtsoratorium wieder aufgeführt, diesmal als ganzes Werk , Teile 1- 6. Es war mein Abschiedskonzert als Chor-Sängerin. Seit dieser Zeit besuchen mein Mann und ich alle Konzerte des Bach Ensemble als Abonnenten und freuen uns natürlich immer besonders aufs Weihnachtskonzert im KKL.

Ich hoffe, wir sehen uns alle am kommenden 20. Dezember 2015 um 11.00 Uhr im KKL anlässlich des Weihnachtskonzertes des Bach Ensemble Luzern. Sie werden noch einmal Gelegenheit haben, herrliche Trompetenklänge von Joseph Haydn interpretiert von Immanuel Richter zu hören. Ferner erklingen die Kantaten BWV 40, Dazu ist erschienen, BWV 225, Motette Singet dem Herrn und BWV 110 Unser Mund sei voll Lachens, sowie die Orchestersuite BWV 1069 Nr. 4 D-Dur. Seien Sie gewiss, es wird einmal mehr ein unvergessliches Erlebnis und eine festliche Einstimmung in die Weihnachtstage.

Wir sehen uns

Vreni Scheidegger-Künzi

 

 

 

Kammerkonzert mit drei Pariser Quartetten von Telemann

Unser diesjähriges Kammerkonzert vom Sonntag, 8. November steht im Zeichen der Pariser Quartette von Telemann.

Die zwölf Pariser Quartette sind in zwei Serien komponiert worden. Sie haben alle dieselbe Besetzung: Flöte, Violine, Violoncello und Cembalo. Die erste Serie mit sechs Quartetten stammt aus Hamburg 1730, wo Telemann Musikdirektor war. 1736 liess Telemann diese Quartette durch einen Pariser Verlag veröffentlichen. Mit Paris war er verbunden durch freundschaftliche Beziehungen zu bedeutenden zeitgenössischen Musikern. Diese Quartette erfreuten sich sehr schnell grosser Beliebtheit, was Telemann bewegte, eine weitere Serie mit sechs Quartetten anzufügen. Diese Werke brachte er nach Paris, wohin er 1737 eingeladen worden war. Auch die zweite Serie war überaus erfolgreich. Sie unterscheidet sich von der ersten durch die durchwegs französischen Satzbezeichnungen. Auch der musikalische Stil ist französisch gefärbt. Beide Faktoren sind Ehrerbietungen an das Pariser Publikum, welches Telemann sehr gastfreundlich aufnahm.

Vor einigen Jahren nahmen wir (das Quartett des Bach Ensemble) uns einen ganzen Tag Zeit, alle zwölf Quartette durchzuspielen. Wir stimmten demokratisch ab, welche in unser Repertoire gehören, und welche wir zurückstellen wollen. Das war alles andere als einfach. Durchgefallen ist jedenfalls keines der Quartette. Nach dem letzten Stück staunten wir alle über das Originelle und Fantasievolle dieser Werke.

In unserem diesjährigen Kammerkonzert sind drei Werke auf dem Programm, die beiden Serien entnommen sind. Die tonartliche Reihenfolge gleicht einer Steigerung: In ständiger Überhöhung folgen auf G-Dur die Tonarten D-Dur und A-Dur. Das «deutsche» Quartett ist eingemittet zwischen zwei «französischen».

Zwei Kantaten für den Schluss des Kirchenjahres – und zum Dritten ein Trompetenkonzert

Beide Kantaten befassen sich mit der Endzeit. BWV 140 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hält sich an die Bibelstellen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, in welchen die Bereitschaft für den Jüngsten Tag thematisiert wird. Die andere Lesung des Tages berichtet vom Gleichnis der zehn Jungfrauen, von denen die einen sich rechtzeitig um das Öl für ihre Lampen bemühen, die andern ihre Lichter unter die Scheffel stellen und deshalb bei der Ankunft des Herrn nicht bereit sind (Matth 25). BWV 70 „Wachet! Betet!“ nimmt das Weltgericht zum Thema (wieder Matth 25). Die erste Lesung ist dem Petrusbrief entnommen, wo es heisst: „Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde“.

Die zweiteilige Kantate BWV 70 (musiziert vor der Predigt – nach der Predigt) führt nicht einen einzigen Gedanken konsequent durch.

Ein ständiges Hin und Her zwischen Sorge und Hoffnung wechseln sich. Sorge um die richtige Bereitschaft für das Weltgericht, Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören.

Bach arbeitet hier mit hörbaren musikalischen Mitteln: Es ist naheliegend, dass zu „wachet“ die Trompete signalartige Motive von sich gibt. Die Musik malt dicht den Text nach, deutlich nachvollziehbar etwa beim „letzter Schlag“.

Bachs Dramaturgie ist in dieser Kantate auf Steigerung angelegt. Zum einen gehen die vier Arien besetzungsmässig von Kammermusik bis zum Tutti. Der Höhepunkt wird in der letzten Arie erreicht, wenn im selben Stück zwei ganz verschiedene Stimmungen vorkommen: dünne Continuobegleitung zu „Seligster Erquickungstag“ und Tuttibesetzung zu „Schalle, knalle, letzter Schlag“.

Kontrastreich präsentiert sich die ganze Kantate: Sie eröffnet mit einem komplexen Eingangs-Chor. Aufgeregtes Treiben (wachet) und dessen Gegenteil (betet) mit langen Noten hinterlassen eine sehr direkte Vermittlung der Musik. Die Kantate mündet mit der

Nr. 11 in einen hymnischen, siebenstimmigen Schluss-Choral, welcher der Zuversicht endgültig Platz macht.

Anders geht Bach mit der Choralkantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ um. In symmetrischer Architektur sind die drei Liedstrophen des Philipp Nicolai-Liedes aus dem Jahr 1599 platziert: Am Anfang, in der Mitte und am Schluss, jedes Mal in deinem anderen kompositorischen Gewand. Dialogisches Prinzip beherrscht den ganzen ersten Satz, d.h. Chor und Orchester haben je eigenständiges Material, welches in einen Dialog verarbeitet wird. In der Mitte der Kantate erklingt dann wieder einer der „Ohrwürmer“, als Triosatz mit der zweiten Liedstrophe im gesungenen Tenor. Bach selber muss diesen Satz geschätzt haben, liess er diesen als Nr. 1 zusammen mit fünf weiteren Kantatensätzen in Orgelfassung drucken und als „Schüblersche Choräle“ veröffentlichen. Der Schluss-Choral schliesslich ist in altem Stil gehalten, allerdings in hoher Lage, dazu noch mit oktavierender Violine.

Das Klangbild vermittelt Verzückung und Seligkeit, welche den Christen im Himmel erwartet.

Zwischen diesen Choralstrophen ist nun freie Dichtung eingestreut. Diese lehnt sich an einige Bibelstellen, zumeist dem Hohelied entnommen. Von Dialogischem war schon im Eingangs-Chor die Rede. Dialoge werden nun sehr konkret. Die Duette sind Liebeserklärungen von ganz zarter Atmosphäre. Irdische Liebe erfährt hier Mystifizierung zur himmlischen Liebe: der Bräutigam (wie immer als Jesus mit der Bass-Stimme) hält Zwiesprache mit der Seele, die als Sopran dargestellt ist.

Noch etwas zur zeitlichen Entstehung der beiden Kantaten: BWV 70 „Wachet! Betet!“ erklang am 21. November 1723 zum ersten Mal. Sie ist in dieser Form die Erweiterung einer früheren Fassung, als diese sie nie aufgeführt wurde. Dieses Datum der ersten Aufführung war der 26. Sonntag nach Trinitatis, normalerweise der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Etwa alle 11 Jahre gibt es auch einen 27. Sonntag nach Trinitatis. Dies aber nur, wenn Ostern sehr früh im Kalender stattfindet. In Bachs Leipziger Zeit von 1723 bis 1750 war dies nur zweimal der Fall: 1731 und 1742. Man kann also den 25. November 1731 für die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ datieren. Diese jahreszeitliche Nähe der beiden Kantaten mit derselben Dichte ihrer Inhalte hilft diesem Programm zu einer Geschlossenheit der besonderen Art.

Zu dieser Dichte passt genau die Trompete, d.h. das Konzert für Trompete und Streicher von Johann Baptist Georg Neruda. Über sein Leben ist wenig Detailliertes bekannt.

Immerhin dies: 1708 in Böhmen geboren, wurde er in Prag ausgebildet und spielte dann als Violinist in einem Prager Theaterorchester. Ein Karrieresprung war für Neruda die Aufnahme in die berühmte Dresdner Hofkappelle im Jahre 1750 (dem Todesjahr Bachs also). Dort avancierte er zum Konzertmeister. Obwohl mit dem Namen Neruda die meisten Kenner und Liebhaber fast ausschliesslich sein Trompetenkonzert in Verbindung bringen, hat sein Werkkatalog doch einiges mehr anzubieten: Da ist eine Oper („Les Troqueurs“), da ist diverse Kirchenmusik, da sind 18 Sinfonien, 14 Instrumentalkonzerte und 34 Triosonaten (sechs davon sind zu Nerudas Lebezeiten im Druck erschienen). Leider sind viele dieser Werke kaum verbreitet, was man, gemessen an der Qualität des Trompetenkonzertes, durchaus bedauern muss. Nerudas Stellenwert als Komponist gleicht jenem von Johann Wilhelm Hertel, von dem Immanuel Richter im vergangenen Juni eines der drei Konzerte für Trompete und Orchester fulminant gespielt hat: Neruda wie Hertel hatten unter Zeitgenossen einen beachtlichen Bekanntheitsgrad, waren gar berühmt, die Nachwelt liess sie vergessen. Schade, vielleicht ändert dies noch. Uns bleibt die Freude auf das Neruda-Konzert mit Immanuel Richter.

Franz Schaffner

Barbara Böhi über Bach und den Atem

‚Lass der Spötter Zungen schmähen!’. Oh, wie wird sie gefordert meine Zunge, beim Singen dieser Arie! Ich liebe es, wenn Bach wild und dramatisch wird. Dann wird die Sprache zum perkussiven Element. Wunderschön, wenn dann weiche Phrasen folgen wie: ‚dass wir Jesum werden sehen auf den Wolken in den Höhen’. Klar, dass Bach die Stimme an dieser Stelle in die Höhe jagt und das gleich in einem riesigen Intervall und in hohem Tempo. Blitzschnelles umstellen vom wilden Schmähen zu den zarten Wolken sind gefragt.

Diese Arie wird von einer Sologeige virtuos umspielt. Das bedeutet für die Solostimme, dass sie sich keine Zeit für Atempausen nehmen kann. Ja, der Atem bei Bach! Ich stelle mir den Johann Sebastian vor, wie er über dieser Arie sass und die Feder über das Blatt flog. Leider nahm er keine Rücksicht darauf, dass ein Sänger auch einmal atmen sollte. Schade, war er nicht in Italien, wie sein Kollege Telemann; der hat dort in der damaligen Sängerhochburg nachweislich gelernt, wie man für Sänger schreibt.

Aber was schreibe ich da, das würde ja bedeuten, dass Bach diese Arie anders hätte schreiben müssen und das wäre ein Jammer, denn jede Note sitzt am richtigen Ort! Ich freue mich darauf, diese Arie mit Franz und seinem eingeschworenen Ensemble zu musizieren. Denn ich bin überzeugt, dass er diese Arie genauso spürt.

Diese Arie ist ein Wurf und das mit dem Atem kriege ich schon hin…

Barbara Böhi

Ulrich Simon Eggimann: Ich musiziere ausgesprochen gerne mit dem Bach Ensemble Luzern

Meine Verbindung zum Bach Ensemble Luzern besteht ziemlich genau so lang, wie ich mich beruflich als Sänger auf den Konzertpodien in der Schweiz und im Ausland bewege. Zum ersten Mal bin ich 1989 mit dem Bach Ensemble aufgetreten. Da rechnet sich schnell das Vierteljahrhundert, das inzwischen verstrichen ist. Eine lange Zeit. Und genau diese Zeit macht auch meine Beziehung zum Bach Ensemble aus. Ich war seinerzeit als junger Sänger zutiefst erfreut, als eines meiner ersten Engagements, eine Anfrage aus Luzern bekommen zu haben. Ich kannte den Dirigenten Franz Schaffner noch nicht, lernte ihn dann aber schnell als menschlich wie musikalisch wunderbaren und hochkompetenten, umsichtigen Chor- und Orchesterleiter kennen. Es war für mich auch der Einstieg in die Musik des grossen Meisters des Barock, Johann Sebastian Bach. Das hat mich bis heute geprägt. Eigentlich habe ich damals ein erstes Mal die Musik von Bach begriffen. Und dieses Erlebnis hilft mir noch heute bei meiner Berufsausübung.

 

Zu dieser Erfahrung als Sänger gesellte sich der Umstand, dass ich seinerzeit beim Bach Ensemble in eine Familie aufgenommen wurde, die über all die Jahre immer zu mir gestanden ist. Ich bin sicher, dass gerade auch dieses Gefühl der Familie Garant für die immer wieder hochkarätigen Konzerte des Bach Ensembles war und noch lange bleiben wird. Ich weiss, das Showbiz hat auch vor der klassischen Musik nicht Halt gemacht; sogar die Kirchenmusik konnte sich nicht vor der Schnellebigkeit der heutigen Zeit schützen. Da hat das Bach Ensemble nicht mitgemacht. Gut so – so konnte eine hohe Klangqualität und eine wirkliche Tiefe in Bezug auf ernste Nachempfindung der grossen Werke der Kirchenmusik erhalten bleiben. Das freut mich für das Luzerner Bach Ensemble, wie es mich auch für mich persönlich freut, weil ich immer noch zu dieser Familie gehöre.

 

Ulrich Simon Eggimann, Bühnen- und Konzertsänger

Chorsängerin Verena Lorenz: Singfreuden im Bach Ensemble Luzern

Das „Bachjahr“ fängt bei mir an mit dem Studieren des Jahresprogrammes. Damit beginnt die Vorfreude auf kommendes Musizieren. Sobald ich die Notenhefte habe, „schneugge“ ich darin und freue mich auf das Wieder-Singen und auf das Entdecken von Neuem.

Diesmal ist es einmal ein Neu-Entdecken und einmal ein Wieder-Singen. Die Kantate BWV 105 kenne ich noch nicht und ich bin gespannt, wie sie tönt. Die Aufnahme, die ich auf youtube gehört habe, tönt vielversprechend.

Ich höre mir die Kantate BWV 147 nach langer Zeit wieder an und bin sogleich wieder „drin“. Im Juni 1987 und im Juni 1997 haben wir „Herz und Mund und Tat und Leben“ aufgeführt.

Die Vorfreude steigt mit den Proben. Ich bin immer wieder gespannt auf das erste Zusammentönen aller Stimmen und bin immer erstaunt, wie gut es schon klingt. Die Arbeit beginnt natürlich jetzt erst richtig und Franz schafft es stets, das Bestmögliche aus uns heraus zu holen.

Die Vorfreude wird zur grossen Freude am Konzerttag. Diesmal höre ich schon das imaginäre Raunen das durch die Zuhörerreihen geht, wenn „Jesus bleibet meine Freude“ erklingt.

Die Tage nach dem Konzert sind ein freudiges Nachklingen mit den Melodien, die noch einige Zeit im Ohr bleiben, mit Kommentaren vom Konzertpublikum und auch mit einem wohlwollenden Zeitungsbericht, der mir Freude macht.

Verena Lorenz