Das Bach Ensemble Luzern ist mir ans Herz gewachsen

Gastbeitrag von unserem Trompeter Willie Röthenmund:

Als Trompeter und Corno da Caccia – Bläser spiele ich seit vielen Jahren mit grosser Leidenschaft mit dem Bach Ensemble Luzern und seinem charismatischen Leiter Franz Schaffner zusammen. Dass jedes Konzert zu einem Highlight wurde, verdanken wir den genialen Komponisten, der umsichtigen Programmgestaltung, dem ausgezeichneten Niveau und dem engagierten Einsatz jedes Sängers und Musikers und vor allem der packenden und ergreifenden Gestaltungskraft des Dirigenten, die uns alle berührt, erfüllt und beflügelt.

Meine Arbeit für das Bach Ensemble Luzern beginnt mit dem Erhalt des Jahresprogrammes, das ich immer sehnlichst erwarte, denn das Bach Ensemble hat für mich erste Priorität. Aus dem Programm ist genau ersichtlich, welche Besetzung die Werke erfordern und ob es die Blechblasinstrumente braucht. Da Franz den barocken Glanz und den festlichen Impetus liebt, sind das Corno da Caccia (ein engmensuriertes Piccolohorn für die hohen und zum grossen Teil virtuosen Partien bei Johann Sebastian Bach und anderen Barockkomponisten) und die Trompeten meist mit von der Partie. Die Noten suche ich in den Orchesterstudien oder auch im Netz, höre mir Aufnahmen der Werke an und bespreche mit Heinz della Torre (der die Gruppe koordiniert) die definitive Stimmeneinteilung. Oft gibt es auch spezifische Fragen, die frühzeitig mit Franz geklärt werden müssen, bevor die eigentliche Arbeit – das Üben beginnen kann. Die seriöse, individuelle Vorbereitung aller Musiker und Solisten ist eine unabdingbare Voraussetzung, damit das Probenkonzept aufgeht. Die Bläser stossen erst einen Tag vor dem Konzert zu den Streichern und dem Chor, das heisst: Jeder beherrscht seine z.T. sehr solistischen Partien und die Probe dient einzig dazu, Solisten, Chor und Orchester harmonisch zu einem Gesamtkunstwerk zusammenzufügen und die Interpretation und Intentionen Franz Schaffners gemeinsam zu realisieren. Am Konzerttag gibt es zwar noch eine Generalprobe (drei Stunden vor dem Konzert), aber da der Fokus auf dem Konzert liegt, versuchen wir dabei haushälterisch mit unserer Lippenkraft umzugehen.

Die Proben und Konzerte in der wunderbaren Franziskanerkirche, die ich von ihrer Architektur und Akustik beim Spielen immer wieder als Kraftort erlebe und die Weihnachtskonzerte im KKL sind einzigartige und unvergessliche Erlebnisse, bei denen hochkarätige Solisten, wie im Jahr 2015 der einzigartige Trompeter Immanuel Richter oder in diesem Jahr der Spitzengeiger Daniel Dodds die glanzvollen Sternstunden krönen.

Im September Konzert 2016 spielen wir Bachs Kantate BWV 29 «Wir danken dir, Gott, wir danken dir». Dies gibt mir das erste Stichwort für meinen Blog: Neben dem Dank nach oben ist es mir ein Bedürfnis, allen Sängerinnen und Sängern, Musikerinnen und Musikern des Bach Ensemble Luzern für die unzähligen seelisch tiefgründenden Empfindungen beim Kammermusikalischen Zusammenspiel herzlich zu danken. Ebenso danke ich Franz Schaffner und meinen ausgezeichneten Kollegen Immanuel Richter, Markus Wünsch, Heinz della Torre und Thomas Portmann für die schönsten und spannendsten Weiterbildungsstunden während meiner musikalischen Laufbahn. In den Dank einschliessen möchte ich auch das treue Publikum. Blickt man von der Bühne in den Zuhörerraum, entdeckt man zahlreiche Stammgäste und Liebhaber geistlicher Musik. Es ist wunderbar, dass unsere klingende Botschaft – fast 300 Jahre nach ihrer Entstehung – auch heute noch auf offene Ohren stösst.

Das zweite Stichwort entnehme ich den «Vier Jahreszeiten» von Antonio Vivaldi: L’Autunno. Auch ich stehe als über 60-Jähriger im Herbst meines Lebens. Meine Leidenschaft für die barocken Meister ist ungebrochen, aber das professionelle Niveau der Interpreten (vergleiche mit Konzerten von Spitzenensembles, CD-Einspielungen oder auf YouTube) ist ständig am Steigen und verhält sich umgekehrt proportional zu der Leistungskurve während eines Menschenlebens. Die Anforderungen der Piccolo-Trompetenstimmen in den Werken Bachs sind meiner Ansicht nach vergleichbar mit dem Spitzensport, wo es gilt, im entscheidenden Moment punktgenau die maximale Leistung abrufen zu können und dies darüber hinaus mit scheinbarer Leichtigkeit und musikalischem Charme.

So werde ich wohl bald meinen Platz auf dem Podium einem jüngeren Musiker frei geben, dem roten Faden in jedem Programm Franz Schaffners mit Freude und Interesse folgen und die hinreissenden Klänge des Bach Ensemble Luzern auf der «andern Seite» als Hörer geniessen dürfen.

Willi Röthenmund

 

Programm-Strategien und September-Konzert

Im letzten Bulletin habe ich einen Einblick zu geben versucht, wie Jahresprogramme entstehen können. Der Weg von Iden Ideen zum Gärungsprozess bis zu den Details, den Verfeinerungen zum Resultat. Gewisse Strategien und Prinzipien inhaltlicher Art legte ich offen. Neben neuen, teilweise unbekannten oder kaum gehörten Werken ist immer wieder die Pflege des Repertoires ein Wegweiser bei der Programmierung.

So ist es auch mit den beiden Kantaten BWV 29 „Wir danken dir“ (im kommenden September auf dem Programm) und mit BWV 191 „Gloria in excelsis Deo“ (im Dezember). Einige Jahre liegen zurück seit deren Aufführung. Dass nun diese wunderbaren Kantaten wieder den Weg in unsere Programme finden, hat neben der Repertoirepflege auch einen tatsächlichen strategischen Hintergrund: Der Chorsatz (Nr. 2) ist dieselbe Musik, welche in zwei Sätzen, nämlich „Gratias agimus“ und „Dona nobis“ der h-Moll Messe. Und dieses Grosswerk beschäftigt uns ja 2017, diesmal aufgeteilt auf zwei Konzerte im Juni und September.

Etwas Pragmatismus kann auch bei Programmen mitbestimmend sein: Als Ausführende hat man einiges von der Musik schon „vorgelernt“. Und nicht nur dies: Dadurch entstehen musikalische Verbindungen und Zusammenhänge zwischen zwei Jahren; …“oh, diese Musik habe ich doch irgendwie vor kurzem hier gehört…“

Genauso verhält es sich mit „Gloria in excelsis Deo“. Bach hat diese Kantate BWV 191 gleich mit zwei Sätzen in die h-Moll Messe übernommen. Wunderbar für uns, hoffentlich auch für die Zuhörer.

Schliesslich noch ein paar Gedanken zur Kantate „Wir danken dir“. Sie wurde 1731 zur Ratswahl in einem feierlichen Gottesdienst musiziert. Passend zu diesem Anlass sind Zitate aus Psalmtexten zu Themen wie Zuversicht, Gerechtigkeit und Frieden.

Mit einem Geniestreich Bachs eröffnet die Sinfonia diese Kantate. Die Vorlage zu dieser Musik gibt das Praeludium aus der Partita E-Dur BWV 1006 für Violine solo (Dan Dodds hat diesen Satz im März als fulminante Zugabe gespielt). Aus dieser Musik für Solovioline form nun Bach einen grossbesetzten Orchestersatz mit drei Trompeten, Pauken, zwei Oboen und Streichern. Die Stimme der Solovioline wird der konzertierenden Orgel übertragen.

Bach spürte in den Jahren 1726 bis 1731 immer wieder Experimentierlust, bei Kantatensätzen der Orgel eine solistische Rolle zu geben (Händel hat dies wenig später auch mit seinen zahlreichen Orgelkonzerten getan). Welche Bereicherung !

Franz Schaffner

 

Chorsänger Arnold Wettstein: Warum Bach Ensemble, warum Bach, warum überhaupt Musik?

In jungen Jahren, doch bereits in Ausbildung zum Architekten hörte ich die H-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach. Hätte ich mich nicht an der Kante festgehalten, hätte es mich wohl unter den Zeichentisch geschleudert. Dieses Werk möchte ich singen. Werde ich jedoch einmal die notwendige gesangliche Fertigkeit erlangen? Nach abgeschlossener obligatorischer Schulzeit öffnet sich eine neue Welt, oder besser, eine ganze Welt bricht auf einen herein. Für welches Gebiet künftiger Tätigkeit soll man sich entscheiden? In der Gesamtauslage von Berufen trifft man auch auf eine breite Palette im schöpferischen Bereich. Ich entschied mich, auf dem bildnerischen Gebiet tätig zu werden. Die Musik begleitete mich jedoch über die ganze Zeit als Sänger in mehreren Chören. Die Auseinandersetzung mit den jeweiligen Werken hat meine tägliche Arbeit wesentlich befruchtet.

Alle schöpferischen Tätigkeiten haben eine gemeinsame Basis, es sind nebst der Sensibilität des Empfindens auch die klaren Gesetzmässigkeiten die den Werken zu Grunde gelegt werden. In der Musik ist es unter anderem der Kontrapunkt, in der Malerei die Form und Gegenform, in der Bildhauerei Körper und Raum, und in der Architektur Raumvolumen und Zwischenraum, Licht und Schatten und der goldenen Schnitt, usw. Ist Musik denn etwas anderes als Architektur? Oder andersherum gefragt, sind es nicht die Obertöne die in guter Architektur mitschwingen? Die Geschichte scheint die Verwandtschaft unter den verschiedenen Disziplinen zu bestätigen, denn viele Künstler waren auf mehreren Gebieten tätig. Paul Klee – der Bach bildnerischen Schaffens – war auch Musiker, Le Corbusier hat sich eingehend mit Klangordnung befasst, Schönberg war Musiker, Maler und Dichter, usw. Alma Mahler hat gar auf „allen Registern“ schöpferischer Geister gespielt.

Während der Berufsausübung mit eigenem Büro und der Lehrtätigkeit im selben Fach wäre es unmöglich gewesen, im Bach Ensemble mitzusingen. Der Anspruch, die Werke selbständig einzuüben, dafür hätte mir die notwendige Zeit gefehlt. Später haben sich Türen – so quasi Echokammern – für mehr Musik geöffnet. Der Nachhall hat in mir dann auch einiges ausgelöst. Vor Eintritt ins Bach Ensemble habe ich festgestellt, dass (nur) Singen von gregorianischem Choral nicht genügt um die Stimme in Schwung zu halten. Es war ein Versuch wert, ob ich den hohen Anforderungen des Bach Ensemble gewachsen bin. Und siehe da, endlich durfte ich die H-Moll- Messe singen, grossartig, und wir werden sie demnächst nochmals aufführen. Ich musste mich lange gedulden, beinahe so lange wie deren erste vollständige Aufführung nach ihrer Entstehung. Diese Messe ist für mich Essenz Bach’schen Schaffens. Auch in Kantaten, Motetten, Oratorien und Passionen hat mir Bach neue Welten geöffnet. Dann die Gegenüberstellung zu Werken anderer Komponisten, unterschiedlicher Temperamente, vereint in einem Programm, ist hoch interessant. Die Vermittlung der Kompositionen in den Proben und letztlich die gelungenen Aufführungen rühren mich immer wieder an.

Die Frage, ob ich den Anforderungen gewachsen bin stelle ich mir heute nicht mehr, sondern versuche seit sieben Jahren, ihnen gerecht zu werden. Mit dem Eintritt ins Bach Ensemble habe ich – wenn auch spät- gut gewählt und hoffe, dass meine Stimme weiterhin mithält. Voll „Sangesdrang“ freue ich mich auf die nächsten Konzerte. Singen im Chor ist ein gemeinsamer Akt, es ist Empfinden das gemeinsam zum Ausdruck gebracht wird. Ueber den hohen Wert vereinten Wirkens schreibt Franz Kafka „……erst im Chor mag eine gewisse Wahrheit liegen“.

Arnold Wettstein

Remy Burnens: Gedanken zu Konzert mit dem Bachensemble Luzern

Als junger und ambitionierter Sänger verfolgt man viele Ziele. Man träumt von Auftritten in ausverkauften Konzertsälen, den grossen Partien in Oratorien und Passionen und von Konzerten mit den besten Orchestern und Dirigenten. In Luzern heissen diese Träume konkret: das KKL, das Theater, die grossen Kirchen . Und eben auch das Bach Ensemble Luzern.

Doch bis es soweit kommen kann braucht es viel Arbeit. Nebst einer innigen Liebe zur Musik und Leidenschaft für aktives Musizieren braucht es stundenlanges Üben. Das Ziel diese Träume zu verwirklichen ist dabei eine essentielle Motivationsquelle.

Viele Stunden vergehen so in Vorbereitung und Vorfreude auf ein etwaiges Engagement. Und gerade dann, wenn man es am wenigsten erwartet, ist sie plötzlich da, die Anfrage – als Solist mit dem Bach Ensemble in der neuen Konzertreihe mit jungen Solisten.

Zuerst noch in weiter Ferne und etwas unfassbar, da das Konzert zum Zeitpunkt der Anfrage noch mehr als ein Jahr entfernt liegt. Doch je näher das Konzert dann rückt, desto bewusster wird einem, wie wichtig dieser nächste Schritt im der Karriere eines jungen Sängers wird:

Das Bach Ensemble ist hochprofessionell, der Dirigent ausserordentlich. Das Publikum kommt um Musik in bester Qualität zu hören und erwartet in jeder Hinsicht eine Höchstleistung. Dies führt dazu, die ohnehin bereits sehr hohen Ansprüche an die eigenen musikalischen und sängerischen Fertigkeiten noch einmal zu steigern und sich besonders intensiv mit der Musik zu beschäftigen.

Doch dies fällt nicht etwa zur Last, sondern beflügelt wiederum! Die Arbeit mit Bachs Musik ist immer eine Belohnung in sich selbst: Von den Passionen bis zum Choralsatz findet man in jedem Stück eine unglaubliche Fülle an Details, welche keineswegs vernachlässigt werden dürfen. Es erfüllt mich mit grosser Freude, diese wunderbare Musik nicht nur für mich im Zimmer der Hochschule zu üben, sondern sie bald für ein interessiertes Publikum im Konzert aufzuführen.

So blicke ich voller Vorfreude dem anstehenden Konzert entgegen – und hoffe, dass dieser Traum vom gemeinsamen Musizieren noch viele weitere Male in Erfüllung gehen wird.

Remy Burnens

Das Bach Ensemble mit jungen Solisten

Solisten auswählen geschieht auf verschiedenen Ebenen.

Zuerst: passt die Stimme zu dieser Arie, zu jenem Rezitativ? Dann: Wer von den möglichen Solisten war länger nicht mehr bei uns?

Das ist dann die Frage des Beziehungsnetzes. Über eine lange Zeit von über 30 Jahren ergibt sich eine „Solistenfamilie“. Das heisst: So viele kommen immer wieder gerne, nicht weil die Gage opulent wäre, sondern weil es schön war, zusammen zu musizieren. Denen möchten wir ebenso die Treue halten wie sie es uns tun. Wir haben immerhin pro Jahr etwa 16 Partien zu vergeben, das ist nicht wenig, aber manchmal auch zu wenig, um alle zu berücksichtigen, die man gerne möchte.

Aber auch: Wie bei allen mit uns vergleichbaren Veranstaltern kommen immer wieder Anfragen und Bewerbungen, früher per Post mit CD, heute per mail mit Link auf die entsprechende Website. Auf diese Weise sind schon viele neue und wertvolle Bekanntschaften hervorgegangen.

Und eine weitere Ebene: die jungen Talente, vielversprechend und zu Recht ambitiös. Sie müssen Möglichkeiten erhalten, um Zuhörer von ihren Fähigkeiten zu überzeugen und selbst Erfahrungen zu sammeln.

So haben wir beschlossen, ein Konzert jährlich ausschliesslich mit jungen Sängerinnen und Sängern als Solisten zu besetzen. Das sind junge Menschen, die in der Schlussphase ihres Gesangsstudiums stehen oder den Abschluss vor kurzem erfolgreich geschafft haben.

Dieses Vorhaben setzen wir im kommenden Juni-Projekt erstmals um und wollen dies als festen Bestandteil unserer „Konzert-Strategie“ wissen. Es wird nicht schwer sein, diese jungen Talente zu finden, es kann aber zur Qual der Wahl werden. Die öffentliche Podien, welche die Gesangsklassen der Hochschule Musik regelmässig veranstalten, geben davon beredtes, will heissen gesungenes Zeugnis ab.

Darum freuen wir uns auf das nächste Konzert mit den jungen Solisten, auch deshalb, weil wir auch um ihre Vorfreude wissen.

Franz Schaffner

 

 

Juni-Konzert 2016

Bach: BWV 116  Du Friedefürst, Herr Jesu Christi
Vivaldi: Psalm 111 Beatus vir
Vivaldi: Sommer und Concerto Nr. 12 G-Dur RV 298

Sommer (nach Vivaldi): Unter der harten Zeit sengender Sonne leiden Mensch und Herde und es glüht die Pinie.

Christina Boner-Sutter, Sopran
Laura Binggeli, Alt
Remy Burnens, Tenor
Martin Roth, Bass

Daniel Dodds, Violine

Alle Infos zum bevorstehenden Konzert vom Sonntag, 12. Juni um 17.00 Uhr in der Franziskanerkirche Luzern  finden Sie auf der Website: http://bachensembleluzern.ch/

Christus, der ist mein Leben BWV 95 – Eine Bach-Kantate mit vielen Besonderheiten

Ich beschränke mich diesmal auf die Bach-Kantate weil sie sich mit Besonderem präsentiert, und lasse Vivaldis Musik für sich sprechen.

Noch nie habe ich von den über 150 aufgeführten Kantaten eine vergleichbare angetroffen! Mein Staunen über die Vielfalt des Kantatenschaffens Bach versiegt nie.

Also der Reihe nach:

Der 1. Satz der Kantate beinhaltet alles in einem Satz, was für eine ganze Kantate vorgesehen ist: Choral, Tanz, Rezitativ, Arioso und eine Menge an Symbolen. Der erste Teil ist tänzerisch im Orchester, heitere Atmosphäre verbreitend. In diese Musik setzt die erste Choralzeile ein, „Christus, der ist mein Leben“.

Nun kommt die erste Überraschung: den folgenden Text („Sterben“) will Bach im Piano und er lässt die Musik mit einer Fermate anhalten. Dann im Forte folgt „ist mein Gewinn“.

Solche dynamischen Angaben sind bei Bach selten. Dies alles ist sein ganz persönliches Bekenntnis, das sich im Verlaufe des Werkes noch verdichten wird. Die Zahlen 7 und 10 spielen eine wichtige Rolle in diesem Satz: fast alle Choreinsätze haben pro Stimme 7 oder 10 Noten zu singen. 7 ist eine „heilige Zahl“, 10 steht für die Gebote, für die Gesetzlichkeit.

Nach diesem ersten Teil folgt ein solistischer. Auch dies ist eine Extravaganz. Der Tenor besingt wie in einer ausgelassenen Arie die Freud, von dieser Welt zu gehen. Dann mündet diese Bruchstückarie in ein Accompagnato-Rezitativ, worin darüber nachgedacht wird, sich endlich dem Sterben hinzugeben – immer wieder unterbrochen durch einen Takt des Tanzmotivs.

Nun geht die Musik über in den dritten und letzten des Eingangssatzes. Da kommt ein 2. Kirchenlied in Spiel: „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“. Auch hier ist wieder eine Besonderheit: „Sanft und stille“ ist wie im ersten Choral mit piano und anhalten verlangt. Nicht nur illustrativ, sondern eben bekenntnishaft ist diese Musik, wahrlich ein Unikat eines Satzes, der so viel an Aussagen vereint wie nur vorstellbar.

Das nun folgende Rezitativ und der Choral (Sätze 2 und 3) sind nahtlos aneinander gefügt und kommen wie ein einziger Satz daher. Im vom Sopran gesungenen Choral heisst die 1. Zeile „Valet will ich dir geben, du arge, falsche Welt“. Das ist nun bereits das 3. Lied innerhalb dieser Kantate. Wenn man die Buchstaben dieser 1. Zeile gemäss Zahlenalphabet (a = 1, b = 2 usw.) summiert, ergibt das 366. Genauso viele Töne singen die Solostimme und das Soloinstrument zusammen. Dass ein Wille zu solcher Absicht vorliegt, dürfte auch der gestrenge Aufbau dieses Chorals bestätigen: Die Singstimme hat immer 7 Takte zu singen, den Zwischenspielen sind jeweils 5 Takte einberaumt.

Der 5. Satz als Arie „Schlage doch bald, selige Stunde“ rückt sich wohl aus stimmungsgeladenen Gründen ins Zentrum der Kantate. Sie ist mit 187 Takten ausnehmend lang – himmlische Länge möchte man sagen. Absolute Besonderheit ist sicher das durchgehende gezupfte Spiel der Streicher, musikalisches Abbild der Sterbeglocken und –glöcklein.

Über Bachs Absicht, hier auch Symbolisch-Spielerisches einfliessen zu lassen, kann man beim Partiturlesen kaum hinwegschauen: Er bildet notenmässig die Zeit ab (24 und 12) und unterschreibt mit „J. S. Bach“. Das macht er so: im Vorspiel der Oboen zählt man 24 Töne (= 24 Stunden des Tages), und dies 12 Mal (=12 Monate) im Satz. Die gezupften Sechzehntelnoten der ersten Violinen machen viele Male 41 Noten aus, was im Zahlenalphabet zusammengezählt „J. S. Bach“ ergibt.

Wie so oft beschliesst Bach seine Kantate mit einem Choral (Satz 7). Hier erscheint das vierte Lied, welches in dieser Kantate verarbeitet wird. Zwar ist es ein schlichter vierstimmiger Choral, kunstvoll auf den Text abgestimmt. Nun kommt aber noch – und dies ist nicht so selten bei Bach – eine weitere Stimme dazu. Sie erhebt sich über alle andern Stimmen mit den ersten Violinen und malt so ein Bild der Sehnsucht nach Überirdischem, Himmlischem.

Franz Schaffner

 

 

Vivaldi, Bach und Dodds

VIVALDI, BACH UND DODDS
Daniel Dodds unser Solist, wir gehen zusammen durch das Jahr. Wir spielen die „vier Jahreszeiten“ saisongerecht. Also Frühling im Früh- lingskonzert, Sommer im Sommerkonzert ctc. Ein excellenter Violinist, gefragt hier und überall, spielt sich mit uns durch die Jahreszeiten.
Natürlich jene bekannten Konzerte von Vivaldi, dazu auch noch andere Violinkonzerte aus dem Zyklus
«La Stravaganza». Auf diese Reise durch das Jahr freuen wir uns alle, er sich auch. Ein inspirierender, hochkarätiger Künstler ist uns ein willkommener Gast. Ihre Lust, bei unseren Konzerten dabei zu sein, beflügelt den Solisten und das ganze Bach Ensemble, und so freuen wir uns, wenn Sie mit uns diese schönen Konzerte teilen.

Franz Schaffner

Weil ich Bach und Vivaldi liebe!

Gastbeitrag von der Geigerin Simone Strohmeier, welche als Berufsmusikerin unter anderem Mitglied des Orchesters des Bach Ensemble Luzern ist.

Ich bin gerade am Üben, als mich die Nachricht von Esther Cahn erreicht, in der sie sich erkundigt, ob ich nicht einen Gastbeitrag für den Blog des Bach Ensemble Luzern schreiben möchte.

Wieso denn ich, frage ich mich, während ich das Programm des nächsten Konzertes anschaue:

Und dann weiß ich es!

Weil ich Bach und Vivaldi liebe und weil sich eben diese beiden Komponisten in Form von Kantaten und der Sammlung der La Cetra Violinkonzerte gerade vor mir auf dem Notenständer befinden.

Natürlich möchte ich da einen Beitrag schreiben.

 Sie fragen sich jetzt vielleicht, wieso Bach und Vivaldi? Was hat der eine mit dem anderen zu tun?

Nun, zunächst einmal waren beide Komponisten schon zu ihren Lebzeiten Berühmtheiten und Koryphäen auf ihren Instrumenten:

Johann Sebastian Bach, herausragender Organist und Cembalist, war stets an der Weiterentwicklung dieser beiden Instrumente interessiert und komponierte entsprechend innovativ. Antonio Lucio Vivaldi, Violinvirtuose, der auf den damals noch recht jungen Instrumenten Violine und Violoncello neue Techniken und Spielweisen entwickelte und diese ebenfalls in seinen Kompositionen verarbeitete.

 Antonio, der 1678 als Sohn eines Violinisten in Venedig geboren wurde, erhielt seine erste musikalische Ausbildung beim Vater und soll diesen schon sehr früh im Orchester des Markusdom vertreten haben. Trotzdem schlug der begabte Geiger eine geistliche Laufbahn ein, wurde mit 25 Jahren zum Priester geweiht und tat seinen Dienst in der Kirche Santa Maria della Pietà und dem dazugehörigen Ospedale della Pietà. Letztgenanntes war ein Waisenhaus für Mädchen, in dem er sowohl als Priester aber auch als Violinlehrer beschäftigt war.

Jedoch gab Antonio, der wegen seiner Haarfarbe auch Il Prete Rosso (Roter Priester) genannt wurde, den Priesterdienst bereits nach eineinhalb Jahren wieder auf und widmete sich nur noch der Musik und dem Aufbau eines Orchesters am Ospedale, mit dem er bald auch außerhalb Venedigs einen hervorragenden Ruf genoss.

Seine Werke ließ er ab op.3, einem Zyklus von 12 Konzerten für Violinen l’Estro Harmonico (die harmonische Eingebung) in Amsterdam drucken, was neben der dort verfügbaren, fortgeschrittenen Drucktechnik sicher auch den Vorteil hatte, dass seine Werke schnell in ganz Europa berühmt wurden. Seine Konzertsammlung op. 8 Il cimento dell’ armonia e dell’ inventione (der Wettstreit zwischen Harmonie und Erfindung) enthält die wahrscheinlich vier berühmtesten Violinkonzerte der klassischen Musik, die Quattro Stagioni.

 Vivaldi schrieb mehr als 200 Konzerte für Solovioline und noch viele mehr für 2, 3 oder 4 Violinen Trotzdem spielt ein modern ausgebildeter, klassischer Geiger während seiner Ausbildung maximal 5 oder 6 dieser Violinkonzerte.

Vielleicht fragen Sie sich, warum das so ist, und ich als Geigerin möchte gerne versuchen, eine Erklärung dafür zu finden.

 Barocke Violinkonzerte sind, wie auch andere Kompositionen ihrer Zeit, in ihrem Erscheinungsbild eher schlicht gehalten.

Da wird sehr viel dem ausführenden Instrumentalisten überlassen, es wird sogar wesentlich mehr von ihm erwartet.

Und da diese Concerti in ihrer schlicht komponierten Art recht simpel daher kommen, werden sie fälschlicherweise als einfach abgestempelt und bereits in einer frühen Phase der Instrumentalausbildung unterrichtet.

Für jeden jungen Violinschüler ist dann zwar ein Meilenstein geschafft, wenn er endlich eines der 3 gängigen Konzerte (G-Dur, op. 3 Nr. 3, a-Moll op.3 Nr. 6 oder g-Moll op. 12 Nr.1) beherrscht, aber warum sich jetzt noch länger mit Vivaldi aufhalten, wenn man doch endlich Haydn, Mozart oder gar Paganini spielen können will, frei nach dem Motto des letztgenannten: höher, schneller, weiter.

In einer fortgeschrittenen Phase können sich manche, die sich trauen, auch noch für die vier Jahreszeiten begeistern, aber meistens wars das dann mit Vivaldi.

 Dass aber die auf den ersten Blick unspektakulär wirkenden Concerti von Vivaldi so viel mehr zu bieten haben, dass jedes einzelne von ihnen ein musikalisches Feuerwerk beinhaltet und von seinem Interpreten nicht nur harmonisches Verständnis, eine breite Palette von Klangfarben, Kreativität bei Verzierungen und nicht zuletzt einen guten Geschmack verlangt, das wissen wir, seit sich Forscher und Musiker intensiv mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen.

 Eines dieser Feuerwerke werden Sie im März mit dem 2. Konzert aus der Sammlung op.12 La Stravaganza erleben.

Zwar lässt hier Vivaldi seinem Solisten in den beiden Ecksätzen eher wenig Spielraum zum aus- und verzieren als in vielen seiner anderen Konzerten, jedoch revanchiert er sich im herrlich gestalteten 2. Satz, in dem sich der Solist quasi bei jeder Phrase frei bewegen darf, ohne dabei vom Orchester “gestört” zu werden.

Aber ich will ja nicht zu viel verraten, sondern lieber noch etwas zur Bach-Vivaldi Beziehung sagen:

Wie bereits erwähnt war Bach in seinem ganzen musikalischen Schaffen innovativ und vor allem auch gegenüber seinen Kollegen und deren Techniken sehr offen.

Er schrieb nicht nur Werke anderer Komponisten ab um sie zu studieren, sondern transkribierte sie auch und verarbeitete sie für seine Zwecke weiter: sein Orgelkonzert BWV 596 ist eigentlich Vivaldis Concerto Grosso op.3 Nr.11 in d-moll für zwei Violinen und Violoncello, das Konzert für 4 Cembali BWV 1065 ist eigentlich Vivaldis berühmtes Concerto op.3 Nr.10 in h-moll für 4 Violinen)

 Bach kannte also Vivaldis Werke und muss diese auch sehr geschätzt haben, denn natürlich gibt es außer den beiden oben genannten noch viele weitere Werke, in denen Vivaldis Einfluss deutlich hör- und spürbar ist.

Für mich zählen die Violinkonzerte von J.S. Bach ebenfalls dazu und Sie werden sicherlich verstehen, was ich meine, wenn Sie am 18.12.2016 beim Weihnachtskonzert des Bach Ensemble Luzern im KKL das wunderbare E-Dur Violinkonzert BWV 1042 von Bach hören.

 Ich freue mich auf jeden Fall erst einmal riesig darauf, bei diesem schönen Programm mit Franz Schaffner und dem hervorragenden Solist Daniel Dodds und dem ganzen Bach Ensemble musizieren zu dürfen.

Simone Strohmeier