Zwei Kantaten für den Schluss des Kirchenjahres – und zum Dritten ein Trompetenkonzert

Beide Kantaten befassen sich mit der Endzeit. BWV 140 „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ hält sich an die Bibelstellen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher, in welchen die Bereitschaft für den Jüngsten Tag thematisiert wird. Die andere Lesung des Tages berichtet vom Gleichnis der zehn Jungfrauen, von denen die einen sich rechtzeitig um das Öl für ihre Lampen bemühen, die andern ihre Lichter unter die Scheffel stellen und deshalb bei der Ankunft des Herrn nicht bereit sind (Matth 25). BWV 70 „Wachet! Betet!“ nimmt das Weltgericht zum Thema (wieder Matth 25). Die erste Lesung ist dem Petrusbrief entnommen, wo es heisst: „Wir warten eines neuen Himmels und einer neuen Erde“.

Die zweiteilige Kantate BWV 70 (musiziert vor der Predigt – nach der Predigt) führt nicht einen einzigen Gedanken konsequent durch.

Ein ständiges Hin und Her zwischen Sorge und Hoffnung wechseln sich. Sorge um die richtige Bereitschaft für das Weltgericht, Hoffnung, zu den Auserwählten zu gehören.

Bach arbeitet hier mit hörbaren musikalischen Mitteln: Es ist naheliegend, dass zu „wachet“ die Trompete signalartige Motive von sich gibt. Die Musik malt dicht den Text nach, deutlich nachvollziehbar etwa beim „letzter Schlag“.

Bachs Dramaturgie ist in dieser Kantate auf Steigerung angelegt. Zum einen gehen die vier Arien besetzungsmässig von Kammermusik bis zum Tutti. Der Höhepunkt wird in der letzten Arie erreicht, wenn im selben Stück zwei ganz verschiedene Stimmungen vorkommen: dünne Continuobegleitung zu „Seligster Erquickungstag“ und Tuttibesetzung zu „Schalle, knalle, letzter Schlag“.

Kontrastreich präsentiert sich die ganze Kantate: Sie eröffnet mit einem komplexen Eingangs-Chor. Aufgeregtes Treiben (wachet) und dessen Gegenteil (betet) mit langen Noten hinterlassen eine sehr direkte Vermittlung der Musik. Die Kantate mündet mit der

Nr. 11 in einen hymnischen, siebenstimmigen Schluss-Choral, welcher der Zuversicht endgültig Platz macht.

Anders geht Bach mit der Choralkantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ um. In symmetrischer Architektur sind die drei Liedstrophen des Philipp Nicolai-Liedes aus dem Jahr 1599 platziert: Am Anfang, in der Mitte und am Schluss, jedes Mal in deinem anderen kompositorischen Gewand. Dialogisches Prinzip beherrscht den ganzen ersten Satz, d.h. Chor und Orchester haben je eigenständiges Material, welches in einen Dialog verarbeitet wird. In der Mitte der Kantate erklingt dann wieder einer der „Ohrwürmer“, als Triosatz mit der zweiten Liedstrophe im gesungenen Tenor. Bach selber muss diesen Satz geschätzt haben, liess er diesen als Nr. 1 zusammen mit fünf weiteren Kantatensätzen in Orgelfassung drucken und als „Schüblersche Choräle“ veröffentlichen. Der Schluss-Choral schliesslich ist in altem Stil gehalten, allerdings in hoher Lage, dazu noch mit oktavierender Violine.

Das Klangbild vermittelt Verzückung und Seligkeit, welche den Christen im Himmel erwartet.

Zwischen diesen Choralstrophen ist nun freie Dichtung eingestreut. Diese lehnt sich an einige Bibelstellen, zumeist dem Hohelied entnommen. Von Dialogischem war schon im Eingangs-Chor die Rede. Dialoge werden nun sehr konkret. Die Duette sind Liebeserklärungen von ganz zarter Atmosphäre. Irdische Liebe erfährt hier Mystifizierung zur himmlischen Liebe: der Bräutigam (wie immer als Jesus mit der Bass-Stimme) hält Zwiesprache mit der Seele, die als Sopran dargestellt ist.

Noch etwas zur zeitlichen Entstehung der beiden Kantaten: BWV 70 „Wachet! Betet!“ erklang am 21. November 1723 zum ersten Mal. Sie ist in dieser Form die Erweiterung einer früheren Fassung, als diese sie nie aufgeführt wurde. Dieses Datum der ersten Aufführung war der 26. Sonntag nach Trinitatis, normalerweise der letzte Sonntag im Kirchenjahr. Etwa alle 11 Jahre gibt es auch einen 27. Sonntag nach Trinitatis. Dies aber nur, wenn Ostern sehr früh im Kalender stattfindet. In Bachs Leipziger Zeit von 1723 bis 1750 war dies nur zweimal der Fall: 1731 und 1742. Man kann also den 25. November 1731 für die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ datieren. Diese jahreszeitliche Nähe der beiden Kantaten mit derselben Dichte ihrer Inhalte hilft diesem Programm zu einer Geschlossenheit der besonderen Art.

Zu dieser Dichte passt genau die Trompete, d.h. das Konzert für Trompete und Streicher von Johann Baptist Georg Neruda. Über sein Leben ist wenig Detailliertes bekannt.

Immerhin dies: 1708 in Böhmen geboren, wurde er in Prag ausgebildet und spielte dann als Violinist in einem Prager Theaterorchester. Ein Karrieresprung war für Neruda die Aufnahme in die berühmte Dresdner Hofkappelle im Jahre 1750 (dem Todesjahr Bachs also). Dort avancierte er zum Konzertmeister. Obwohl mit dem Namen Neruda die meisten Kenner und Liebhaber fast ausschliesslich sein Trompetenkonzert in Verbindung bringen, hat sein Werkkatalog doch einiges mehr anzubieten: Da ist eine Oper („Les Troqueurs“), da ist diverse Kirchenmusik, da sind 18 Sinfonien, 14 Instrumentalkonzerte und 34 Triosonaten (sechs davon sind zu Nerudas Lebezeiten im Druck erschienen). Leider sind viele dieser Werke kaum verbreitet, was man, gemessen an der Qualität des Trompetenkonzertes, durchaus bedauern muss. Nerudas Stellenwert als Komponist gleicht jenem von Johann Wilhelm Hertel, von dem Immanuel Richter im vergangenen Juni eines der drei Konzerte für Trompete und Orchester fulminant gespielt hat: Neruda wie Hertel hatten unter Zeitgenossen einen beachtlichen Bekanntheitsgrad, waren gar berühmt, die Nachwelt liess sie vergessen. Schade, vielleicht ändert dies noch. Uns bleibt die Freude auf das Neruda-Konzert mit Immanuel Richter.

Franz Schaffner

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