Kantate BWV 105 „Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht“

Unmittelbar nach Bachs Amtsantritt in Leipzig wurde diese Kantate zum ersten Mal aufgeführt. Das war am 25. Juli 1723.

Es ist eine der Kantaten, die das Bach Ensemble noch nicht aufgeführt hat. Wie viele, ja die meisten Kantaten Bachs, ist auch diese ein Unikat und birgt Besonderheiten, die kein zweites Mal auftauchen.

Unter einem speziellen Aspekt möchte ich dieses Werk diesmal beleuchten: Die Zahl. Bedeutung und Symbolik der Zahlen ist uns schon aus der Antike überliefert. Zahlen spielen auch in Bachs Kompositionen immer wieder eine besondere Rolle. Darüber ist schon viel und kontrovers debattiert worden. Herunterspielen lässt sich die Bedeutsamkeit der Zahlen in Bachs Werken nicht, dafür sind ihre Erscheinungen zu offensichtlich. Bach selbst weist gelegentlich darauf hin, und an einigen Stellen der Partituren sind die Zusammenhänge mit Zahlen alles andere als zufällig. „Die Zahl schreibt mit“ – ein wichtiger Gedanke des Bach-Zeitgenossen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibnitz – sagt deutlich, dass der Einbezug von Zahlen in einem Kompositionsprozess eine natürliche Sache war. Geistige Spielerei oder Gehirntraining mögen da auch mitgespielt haben.

Zum Einstieg eine wichtige Komponente: das Zahlenalphabet. Das spielt in Bachs Musik eine wesentliche Rolle. A ist die Nr. 1 im Alphabet, B die Nummer 2 usw. So bedeutet die Zahl 14 den Namen Bach, wenn die Nummern der Buchstaben zusammengezählt werden: B=2, A=1, C=3, H=8.

Die Zahl 158 kommt in der Kantate „Herr, gehe nicht ins Gericht“ mehrfach vor. Sie bedeutet zusammengezählt den vollständigen Namen „Johann Sebastian Bach“. So ergeben im ersten Chorsatz die Tonfolgen (wiederholte Noten also ausgenommen) von Chor und Instrumenten zusammen die Zahl 1580. Das ist das Zehnfache von Bachs Namen.

Weiter spielt das Hornsolo in der Arie des 5. Satzes genau 158 Töne.

Ebenso singt der Chor ab dem 2. Teil des Chorals 158 Töne.

Wenn solche Bezüge auftreten, dann ist es Bachs Wille, eine besondere Textaussage mit seinem Namen zu unterschreiben.

„Herr, gehe nicht ins Gericht mit deinem Knecht“ – wenn man die Zahlen zu diesen Buchstaben zusammenzählt, erhält man 719. Genauso viele Noten werden im instrumentalen Bass des ersten Satzes gespielt (eben: die Zahl schreibt mit).

Der ausgedehnte Chorsatz ist auf zwei Teile angelegt. Im ersten Teil ist der bittende, immer wieder „Herr“ rufende Charakter dominierend. Dieser Teil dauert 47 Takte. Und das ist auch die Summe des Wortes „Herr“= 8+5+17+17 = 47

Die Zahlensymbolik ist also ein wichtiges Mittel, welches Bach zum Komponieren braucht. Es ist zwar unhörbar, trotzdem ist es nicht nur ein Spiel mit Zahlen. Dahinter sind wichtige Aussagen, wie beispielsweise oben bereits erwähnt Bachs Unterschrift.

Ein paar eindrückliche und überdies hörbare musikalische Sinnbilder seien hier ebenfalls erwähnt. Von Zittern und Wanken ist im Text die Rede. Die oberen Streicher illustrieren dieses Zittern mit vielen wiederholten Noten. Wunderbar auch, wie das Thema das Wanken ausdrückt: Schon der zweite Ton gerät ins Wanken, indem eine benachbarte Note folgt, die wieder zur vorherigen Note zurückkehrt.

Und schliesslich der abschliessende Choral, dessen Anlage ich noch nirgends in einem anderen Choral angetroffen habe. „Herr, ich weiss, du wirst mich stillen“ – diese erste Choralzeile gibt die musikalische Richtung bis zum Ende des Satzes vor.

Die Streicher erweitern den Vokalsatz um drei Stimmen. Interessant ist dabei der Rhythmus: er beginnt mit Sechzehntelnoten (und erinnert damit an das Zittern der Arie in Satz 3), geht in der übernächsten Zeile auf Triolen, später weiter zu Achteln, bis am Schluss ruhige Viertelnoten das Geschehen übernehmen. Ein eindrückliches Umsetzen vom anfänglichen Zittern bis zu vollkommenen Beruhigung, eben diesem Stillen.

 

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