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Telemanns Donnerode: Eine Entdeckung!

Gastbeitrag von Bariton Tobias Wicky

In diesem Jahr stehen beim Bach Ensemble Luzern die beiden Komponisten Georg Philipp Telemann und Johann Sebastian Bach im Fokus. Zwei barocke Komponisten, die eine sehr enge Freundschaft pflegten. Nach den Erinnerungen von J. S. Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel, dessen Patenonkel Telemann war, sahen sich die beiden regelmässig und brachten einander grosse Wertschätzung entgegen.

Bachs Musik begleitet mich seit Kindesbeinen an und gehört heute zum Schwerpunkt meiner Tätigkeit als Sänger. Seine Musik ist omnipräsent und wird überall mit viel Hingabe und Ehrfurcht gepflegt und aufgeführt. Sie ergreift mich immer wieder durch ihre tiefe Kraft und Lebendigkeit. Bachs Musik weckt in mir eine grosse Lebensfreude aus. Obwohl die Texte, die er vertont hat, nicht immer lebensbejahend sind und zum Teil sehr schwierig zu verstehen sind. Es ist ein unglaubliches Privileg, sich als Sänger mit seiner grossartigen Musik beschäftigen zu dürfen.

Es hat lange gedauert, bis ich den Namen von Georg Philipp Telemann zum ersten Mal gehört habe. Dabei war Telemann, einer der produktivsten und gefeiertsten Komponisten des Barock. Er war damals berühmter als Bach oder Händel und hat mehr komponiert als beide zusammen: Telemann war zu seiner Zeit der berühmteste Komponist in Deutschland! Mit tausenden verzeichneten geistlichen, weltlichen und Instrumentalwerken verschiedenster Musikgattungen, gilt Georg Philipp Telemann als einer der produktivsten Komponisten der Musikgeschichte. Tatsächlich gibt es von Telemann ungefähr fünfzig Opern, nicht weniger als zwölf Vertonungen der Passionsgeschichte nach Matthäus und gegen zweitausend Kantaten, von der überaus reichen Instrumentalmusik ganz zu schweigen. Dennoch geriet er nach seinem Tod für fast zwei Jahrhunderte in Vergessenheit. Erst seit rund 60 Jahren wird Telemanns Schaffen wieder erforscht und systematisch aufgearbeitet.

Das Bach Ensemble Luzern bringt am kommenden Sonntag die Donnerode TVWV 6:3 zur Aufführung. Die Donnerode stellt neben den Tafelmusiken, der grandiosen Trauerkantate «Du aber Daniel» oder seiner Brockes-Passion eine der seinerzeit bekanntesten und nachweislich meist aufgeführten Kompositionen Telemanns dar. Das Werk wurde aus Anlass des Erdbebens von Lissabon am 1. November 1755 in Auftrag gegeben. Für mich ist dieses Werk eine äusserst interessante Entdeckung. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Donnerode, für mich ein Hybrid aus Oper und Kantate.

Ich freue mich sehr, dass ich dieses höchst raffinierte und selten aufgeführte Werk mit dem Bach Ensemble Luzern und Franz Schaffner aufführen darf.

In grosser Vorfreude!
Tobias Wicky