Oppliger

Vom Paukenspieler zum Chorsänger

Gastbeitrag von Chorsänger Marcel Oppliger

Es war eine gute Entscheidung, mich während der letzten Jahre meiner Unterrichtstätigkeit als Schlagzeuglehrer (Klassisches Schlagzeug) mit der Stimme auseinanderzusetzen. Um meinen Ansprüchen gerecht zu werden, nahm ich Gesangstunden, ohne das Ziel haben, in einem Chor zu singen. Gleichzeitig übergab ich meine Barockpauken dem Bach Ensemble, habe die Barockschlägel beiseitegelegt und mich vom Muszieren in diversen Orchestern zurückgezogen. Die wenigen Auftritte jährlich wurden für mich eher zu einer Belastung.

J.S. Bach war mit dem Pauker zwar «gnädig». Er schrieb meist nur zwei Töne (D und A) und setzte diese erst noch sparsam ein. Mir war es manchmal fast ein wenig peinlich, wenn wir (Pauken und Trompeten) den grossen Applaus entgegennehmen durften, hatten doch eher die Trompeter die Glanzleistung vollbracht.

Wobei, so einfach war es mit den Ziegenfellen bespannten Pauken dann doch nicht. Da gab es ab und zu schon kleine «Kämpfe», bis die beiden «Ziegen» bereit waren, sich schlagen zu lassen. Naturfelle sind wegen der Luftfeuchtigkeits- und Temperaturunterscheide sehr empfindlich. Da können die Kirchenfenster bei Sonneneinstrahlung noch so farbig leuchten, wenn die eine Pauke bestrahlt wurde und die andere im Schatten stand, war die Stimmung bei mir und bei den Pauken nicht optimal.

In den meisten Bach-Kantanten steht in den Pauken-Noten ohnehin viel «tacet», was mir Zeit gab, dem Orchester und natürlich den Solisten aufmerksam zuzuhören. Das führte mich noch näher an diese Musik heran, ohne tiefer auf die vielen — oft versteckten — Aussagen im Notentext einzugehen. Franz Schaffner weist ja in den Proben immer gut dosiert auf die Bach’schen Geheimnisse hin.

Nach drei Jahren kenne ich das Innenleben des Bach-Chors. Wegen der Choraufstellung bei den Konzerten bin ich ja eigentlich vom Pauker zum Bass-Sänger aufgestiegen! Nein, es war kein Aufstieg, mehr ein Einstieg. Neben den vielen Sängern/-innen mit jahrelanger Erfahrung, musste ich richtig «Gas geben». Das ist eine ganz andere Welt, als die eines Orchesterschlagzeugers. Wenn ein Kollege sagt, ich hätte doch rhythmische Vorteile, mag das stimmen, löst bei mir aber lediglich ein leichtes Schmunzeln aus. Da sind für mich andere Hürden, die es zu bewältigen gilt.

Nach vier bis fünf Proben stehen die Tutti-Proben auf dem Programm. Diese empfinde ich umso entspannter, je präsenter der Chor und das Orchester ist und je weniger Elementares geübt werden muss. Zuoberst auf dem Chorpodest habe ich natürlich eine gute Übersicht und kann das Orchester und die Solisten sehr genau beobachten. Da ich selber eine Dirigierausbildung genossen habe, interessieren mich natürlich auch vor allem die Dirigenten. Der Fokus ist deshalb auf sie gerichtet. Aber bei Franz Schaffner ist das nicht nötig, habe ich doch 25 Jahre unter ihm gespielt. Es ist mehr eine Bestätigung: Sein Dirigat ist exzellent, alles eben im Sinn einer Bach-Partitur. Mich stören Dirigenten, die Bach wie eine romantische Sinfonie dirigieren. So entsteht dann ein eindrückliches Konzert wie die Johannes-Passion. Von meinem Standort konnte ich die Begeisterung im Zuhörerraum besonders gut wahrnehmen.

Ist J.S. Bach mein Lieblingskomponist? Nein, es gibt so viele Komponisten, die gute Musik verschiedenster Gattungen geschrieben haben. So gefallen mir z.B. Scarlatti-Sonaten, Rameau-Suiten (vor allem die mit Angela Hewitt). Ein schöner Gegensatz sind dann die Wesendonck-Lieder von Richard Wagner (gesungen von Anne Sofie von Otter). Darin stecken viele tiefe Emotionen.

J.S.Bach nimmt einen wichtigen Platz ein und seit ich mitsinge ist klar, dass ich mich noch mehr mit seiner Musik befasse. Aber für mich gibt es noch andere grosse Meister: z.B. ist da Anton Bruckner. Und ja, da gibt es noch ein «B», aber nicht Bee…, sondern Bra…

Marcel Oppliger