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Annäherungen an die Johannespassion

Wenn dieses grossartige Werk im März bei uns wieder auf dem Programm steht, geschieht dies zum 4 ½. Mal. Ja, richtig gelesen: 2005 musizierten wir eine gewagte Kombination aus Teilen der Bachschen Passion mit der Johannespassion von Alessandro Scarlatti, um dann ein Jahr später das ganze Werk von Bach aufzuführen. Seit diesem Datum sind die Aufführungsintervalle regelmässig: 2009, 2013 und jetzt 2017. Dahinter steht die klare Absicht des Repertoiregedankens.

Dass in dieser Zeitspanne die Annäherung an das komplexe Werk immer wieder neu beginnt, versteht sich von selbst. Und der Lohn ist gross: immer wieder tauchen neue Erkenntnisse auf.

Eine davon sei hier heraus geschält: Im Turbae-Chor „Wäre dieser nicht ein Übeltäter“ ist die Chromatik überdeutlich gezeichnet und nicht zu überhören. Wenig später in „wir dürfen niemand töten“ taucht dieselbe Chromatik wieder ohrenfällig zum Wort „töten“ auf.

Bach nimmt also persönlich Stellung, d.h. wer tötet, macht sich selbst zum Übeltäter. Faszinierend ist dieser kompositorische Ansatz!

Die Johannespassion ist reich an musikalischen Symbolen. Allein dieser Aspekt würde mühelos ein stündiges Referat füllen. Hier fehlt der Platz zum Ausschweifen, ein paar Beispiele mögen für diesen Reichtum genügen.

Ein Kreuzmotiv ist per se hörbar, noch mehr aber sichtbar in den geschriebenen Noten: Wenn bei vier aufeinander folgenden Noten die erste mit der vierten und die beiden mittleren miteinander verbunden werden, entsteht ein (Andreas-) Kreuz.

Solche Kreuzmotive sind in der Johannespassion fast omnipräsent. Besonders eindrücklich ist die Rezitativ-Stelle „welchen Todes er sterben würde“: In Kleinstbesetzung (Evangelist mit Continuo) wird innerhalb eines Taktes alles gesagt. Das Kreuzmotiv ist im Bass, aufwühlende Akkorde und Seufzerfiguren in der Singstimme sind zu hören.

Der Takt endet mit einem Schlussakkord in C-Dur. Also: Der Kreuzestod führt  zur Auferstehung.

Details sind auch in vielen Chorälen aufzuspüren.

Einer sei hier stellvertretend erwähnt. „Christus, der uns selig macht“ zeichnet mit seinen affektgeladenen Harmonien den Text ab und greift im Stil weit voraus.

In den letzten beiden Takten bedient sich Bach eines alten Stilmittels, die musikalischen Wendungen und Stimmführungen könnten von Palestrina stammen.

Der Text dort lautet: „Wie denn die Schrift saget“.

Diese wenigen Bespiele legen beredtes Zeugnis ab: Sich der Bachschen Partitur immer wieder von neuem anzunähern ist eine einzige Bereicherung!

Franz Schaffner