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Programm-Strategien und September-Konzert

Im letzten Bulletin habe ich einen Einblick zu geben versucht, wie Jahresprogramme entstehen können. Der Weg von Iden Ideen zum Gärungsprozess bis zu den Details, den Verfeinerungen zum Resultat. Gewisse Strategien und Prinzipien inhaltlicher Art legte ich offen. Neben neuen, teilweise unbekannten oder kaum gehörten Werken ist immer wieder die Pflege des Repertoires ein Wegweiser bei der Programmierung.

So ist es auch mit den beiden Kantaten BWV 29 „Wir danken dir“ (im kommenden September auf dem Programm) und mit BWV 191 „Gloria in excelsis Deo“ (im Dezember). Einige Jahre liegen zurück seit deren Aufführung. Dass nun diese wunderbaren Kantaten wieder den Weg in unsere Programme finden, hat neben der Repertoirepflege auch einen tatsächlichen strategischen Hintergrund: Der Chorsatz (Nr. 2) ist dieselbe Musik, welche in zwei Sätzen, nämlich „Gratias agimus“ und „Dona nobis“ der h-Moll Messe. Und dieses Grosswerk beschäftigt uns ja 2017, diesmal aufgeteilt auf zwei Konzerte im Juni und September.

Etwas Pragmatismus kann auch bei Programmen mitbestimmend sein: Als Ausführende hat man einiges von der Musik schon „vorgelernt“. Und nicht nur dies: Dadurch entstehen musikalische Verbindungen und Zusammenhänge zwischen zwei Jahren; …“oh, diese Musik habe ich doch irgendwie vor kurzem hier gehört…“

Genauso verhält es sich mit „Gloria in excelsis Deo“. Bach hat diese Kantate BWV 191 gleich mit zwei Sätzen in die h-Moll Messe übernommen. Wunderbar für uns, hoffentlich auch für die Zuhörer.

Schliesslich noch ein paar Gedanken zur Kantate „Wir danken dir“. Sie wurde 1731 zur Ratswahl in einem feierlichen Gottesdienst musiziert. Passend zu diesem Anlass sind Zitate aus Psalmtexten zu Themen wie Zuversicht, Gerechtigkeit und Frieden.

Mit einem Geniestreich Bachs eröffnet die Sinfonia diese Kantate. Die Vorlage zu dieser Musik gibt das Praeludium aus der Partita E-Dur BWV 1006 für Violine solo (Dan Dodds hat diesen Satz im März als fulminante Zugabe gespielt). Aus dieser Musik für Solovioline form nun Bach einen grossbesetzten Orchestersatz mit drei Trompeten, Pauken, zwei Oboen und Streichern. Die Stimme der Solovioline wird der konzertierenden Orgel übertragen.

Bach spürte in den Jahren 1726 bis 1731 immer wieder Experimentierlust, bei Kantatensätzen der Orgel eine solistische Rolle zu geben (Händel hat dies wenig später auch mit seinen zahlreichen Orgelkonzerten getan). Welche Bereicherung !

Franz Schaffner