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Liebesbrief an Johann

Gastbeitrag von der Solistin Carmela Konrad:

Liebster J.S.

Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Langsam hast du dich in mein Herz geschlichen.

Damals, auf Dreilinden, neben all den Blumenvasen in der kleinen Abstellkammer im obersten Stockwerk.

Auf meinem Notenpult stand das Präludium in d-Moll, irgendwie kompliziert und sauschwer deine Werke auf Gitarre zu spielen. Es ist mir heute noch ein Rätsel, wie ich dann diese Fugen auswendig gelernt habe. Meine musikalische Vorliebe war noch bei den Fugees, Warren G, Andrew Lloyd Webber oder Alan Menken, aber je mehr Musik ich von dir hörte, je mehr Werke ich von dir kennen gelernt und gesungen habe, desto stärker wurden die Gefühle.

An unsere erste Arie erinnere ich mich und habe die Kopien der Noten, inzwischen vergilbt und abgegriffen, aus sentimentalen Gründen immer noch aufgehoben.

„Quia respexit“ aus deinem Magnificat, es war wohl 1996, also noch in deinem Jahrtausend, da war der erste vokale Funke gesprungen. Ich hätte nie gedacht, dass es mich so erwischen würde.

…Und jetzt, 20 Jahre später lerne ich die Arie vom Konzert mit dem Bach Ensemble Luzern „Gedenk an uns mit deiner Liebe“ im Verzeichnis die 29. Wie unglaublich schön, wie aktuell und treffend.

Gibt es etwas schöneres, etwas größeres als die Liebe? Für mich ist sie das Höchste. Diese eine Stelle kreist in meinem Kopf. Du bringst meinen Körper zum Tanzen,

mein Herz vor Freude zum überlaufen, triffst mich tief und lässt mich weinen, lässt mich trauern. Du bist immer für mich da, spendest mir Hoffnung und Trost, begleitest mich in allen Lebenslagen. Der Tod, das Leben, deine Musik: Magie.

Du bist mir so nahe, J.S.

Du bist Teil von mir. Jeden Tag lerne ich von Dir. Es ist nicht immer einfach. Ich weiß, manchmal verstehe ich dich nicht auf Anhieb, stehe mir selber im Weg, aber du bleibst geduldig. Mein Fixstern.

Du schenkst mir Gefühle überfließender Freude, Erfülltheit und Eins Sein mit der Musik.

Du bist mir Inspiration für meine Malerei und deine Schaffenskraft ist mein Vorbild.

Mein erstes KKL Heimspiel hast du mir 2013 geschenkt: Dein Weihnachtsoratorium, gleich alle sechs Kantaten. Zusammen mit Franz Schaffner und dem Bach Ensemble… Was für eine schöne und prägende Erinnerung. Du nimmst mich mit auf Reisen, z.B. in die Philharmonie Berlin und München, oder nach Stuttgart (Dein Witz bei der Bauernkante auf unserem Video auf YouTube bringt mich immer wieder zum Lachen :).

Du zeigst mir wunderschöne Klöster, Kirchen und Konzertsäle und lässt mich die Welt mit glänzenderen Augen sehen.

Zeig mir die ganze Welt, ich folge dir.

Ich bin dir unendlich dankbar, Johann Sebastian Bach.

Danke dass ich deine Musik singen darf, deine Musik mit meinen Mitmenschen teilen darf. Deine Musik beseelt und (er)nährt mich.

Möge ich deinem Anspruch gerecht werden.

Ich liebe dich, J.S.

Danke, dass es deine Musik gibt.

In tiefer Verbundenheit,

Carmela