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Christus, der ist mein Leben BWV 95 – Eine Bach-Kantate mit vielen Besonderheiten

Ich beschränke mich diesmal auf die Bach-Kantate weil sie sich mit Besonderem präsentiert, und lasse Vivaldis Musik für sich sprechen.

Noch nie habe ich von den über 150 aufgeführten Kantaten eine vergleichbare angetroffen! Mein Staunen über die Vielfalt des Kantatenschaffens Bach versiegt nie.

Also der Reihe nach:

Der 1. Satz der Kantate beinhaltet alles in einem Satz, was für eine ganze Kantate vorgesehen ist: Choral, Tanz, Rezitativ, Arioso und eine Menge an Symbolen. Der erste Teil ist tänzerisch im Orchester, heitere Atmosphäre verbreitend. In diese Musik setzt die erste Choralzeile ein, „Christus, der ist mein Leben“.

Nun kommt die erste Überraschung: den folgenden Text („Sterben“) will Bach im Piano und er lässt die Musik mit einer Fermate anhalten. Dann im Forte folgt „ist mein Gewinn“.

Solche dynamischen Angaben sind bei Bach selten. Dies alles ist sein ganz persönliches Bekenntnis, das sich im Verlaufe des Werkes noch verdichten wird. Die Zahlen 7 und 10 spielen eine wichtige Rolle in diesem Satz: fast alle Choreinsätze haben pro Stimme 7 oder 10 Noten zu singen. 7 ist eine „heilige Zahl“, 10 steht für die Gebote, für die Gesetzlichkeit.

Nach diesem ersten Teil folgt ein solistischer. Auch dies ist eine Extravaganz. Der Tenor besingt wie in einer ausgelassenen Arie die Freud, von dieser Welt zu gehen. Dann mündet diese Bruchstückarie in ein Accompagnato-Rezitativ, worin darüber nachgedacht wird, sich endlich dem Sterben hinzugeben – immer wieder unterbrochen durch einen Takt des Tanzmotivs.

Nun geht die Musik über in den dritten und letzten des Eingangssatzes. Da kommt ein 2. Kirchenlied in Spiel: „Mit Fried und Freud fahr ich dahin“. Auch hier ist wieder eine Besonderheit: „Sanft und stille“ ist wie im ersten Choral mit piano und anhalten verlangt. Nicht nur illustrativ, sondern eben bekenntnishaft ist diese Musik, wahrlich ein Unikat eines Satzes, der so viel an Aussagen vereint wie nur vorstellbar.

Das nun folgende Rezitativ und der Choral (Sätze 2 und 3) sind nahtlos aneinander gefügt und kommen wie ein einziger Satz daher. Im vom Sopran gesungenen Choral heisst die 1. Zeile „Valet will ich dir geben, du arge, falsche Welt“. Das ist nun bereits das 3. Lied innerhalb dieser Kantate. Wenn man die Buchstaben dieser 1. Zeile gemäss Zahlenalphabet (a = 1, b = 2 usw.) summiert, ergibt das 366. Genauso viele Töne singen die Solostimme und das Soloinstrument zusammen. Dass ein Wille zu solcher Absicht vorliegt, dürfte auch der gestrenge Aufbau dieses Chorals bestätigen: Die Singstimme hat immer 7 Takte zu singen, den Zwischenspielen sind jeweils 5 Takte einberaumt.

Der 5. Satz als Arie „Schlage doch bald, selige Stunde“ rückt sich wohl aus stimmungsgeladenen Gründen ins Zentrum der Kantate. Sie ist mit 187 Takten ausnehmend lang – himmlische Länge möchte man sagen. Absolute Besonderheit ist sicher das durchgehende gezupfte Spiel der Streicher, musikalisches Abbild der Sterbeglocken und –glöcklein.

Über Bachs Absicht, hier auch Symbolisch-Spielerisches einfliessen zu lassen, kann man beim Partiturlesen kaum hinwegschauen: Er bildet notenmässig die Zeit ab (24 und 12) und unterschreibt mit „J. S. Bach“. Das macht er so: im Vorspiel der Oboen zählt man 24 Töne (= 24 Stunden des Tages), und dies 12 Mal (=12 Monate) im Satz. Die gezupften Sechzehntelnoten der ersten Violinen machen viele Male 41 Noten aus, was im Zahlenalphabet zusammengezählt „J. S. Bach“ ergibt.

Wie so oft beschliesst Bach seine Kantate mit einem Choral (Satz 7). Hier erscheint das vierte Lied, welches in dieser Kantate verarbeitet wird. Zwar ist es ein schlichter vierstimmiger Choral, kunstvoll auf den Text abgestimmt. Nun kommt aber noch – und dies ist nicht so selten bei Bach – eine weitere Stimme dazu. Sie erhebt sich über alle andern Stimmen mit den ersten Violinen und malt so ein Bild der Sehnsucht nach Überirdischem, Himmlischem.

Franz Schaffner