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Weil ich Bach und Vivaldi liebe!

Gastbeitrag von der Geigerin Simone Strohmeier, welche als Berufsmusikerin unter anderem Mitglied des Orchesters des Bach Ensemble Luzern ist.

Ich bin gerade am Üben, als mich die Nachricht von Esther Cahn erreicht, in der sie sich erkundigt, ob ich nicht einen Gastbeitrag für den Blog des Bach Ensemble Luzern schreiben möchte.

Wieso denn ich, frage ich mich, während ich das Programm des nächsten Konzertes anschaue:

Und dann weiß ich es!

Weil ich Bach und Vivaldi liebe und weil sich eben diese beiden Komponisten in Form von Kantaten und der Sammlung der La Cetra Violinkonzerte gerade vor mir auf dem Notenständer befinden.

Natürlich möchte ich da einen Beitrag schreiben.

 Sie fragen sich jetzt vielleicht, wieso Bach und Vivaldi? Was hat der eine mit dem anderen zu tun?

Nun, zunächst einmal waren beide Komponisten schon zu ihren Lebzeiten Berühmtheiten und Koryphäen auf ihren Instrumenten:

Johann Sebastian Bach, herausragender Organist und Cembalist, war stets an der Weiterentwicklung dieser beiden Instrumente interessiert und komponierte entsprechend innovativ. Antonio Lucio Vivaldi, Violinvirtuose, der auf den damals noch recht jungen Instrumenten Violine und Violoncello neue Techniken und Spielweisen entwickelte und diese ebenfalls in seinen Kompositionen verarbeitete.

 Antonio, der 1678 als Sohn eines Violinisten in Venedig geboren wurde, erhielt seine erste musikalische Ausbildung beim Vater und soll diesen schon sehr früh im Orchester des Markusdom vertreten haben. Trotzdem schlug der begabte Geiger eine geistliche Laufbahn ein, wurde mit 25 Jahren zum Priester geweiht und tat seinen Dienst in der Kirche Santa Maria della Pietà und dem dazugehörigen Ospedale della Pietà. Letztgenanntes war ein Waisenhaus für Mädchen, in dem er sowohl als Priester aber auch als Violinlehrer beschäftigt war.

Jedoch gab Antonio, der wegen seiner Haarfarbe auch Il Prete Rosso (Roter Priester) genannt wurde, den Priesterdienst bereits nach eineinhalb Jahren wieder auf und widmete sich nur noch der Musik und dem Aufbau eines Orchesters am Ospedale, mit dem er bald auch außerhalb Venedigs einen hervorragenden Ruf genoss.

Seine Werke ließ er ab op.3, einem Zyklus von 12 Konzerten für Violinen l’Estro Harmonico (die harmonische Eingebung) in Amsterdam drucken, was neben der dort verfügbaren, fortgeschrittenen Drucktechnik sicher auch den Vorteil hatte, dass seine Werke schnell in ganz Europa berühmt wurden. Seine Konzertsammlung op. 8 Il cimento dell’ armonia e dell’ inventione (der Wettstreit zwischen Harmonie und Erfindung) enthält die wahrscheinlich vier berühmtesten Violinkonzerte der klassischen Musik, die Quattro Stagioni.

 Vivaldi schrieb mehr als 200 Konzerte für Solovioline und noch viele mehr für 2, 3 oder 4 Violinen Trotzdem spielt ein modern ausgebildeter, klassischer Geiger während seiner Ausbildung maximal 5 oder 6 dieser Violinkonzerte.

Vielleicht fragen Sie sich, warum das so ist, und ich als Geigerin möchte gerne versuchen, eine Erklärung dafür zu finden.

 Barocke Violinkonzerte sind, wie auch andere Kompositionen ihrer Zeit, in ihrem Erscheinungsbild eher schlicht gehalten.

Da wird sehr viel dem ausführenden Instrumentalisten überlassen, es wird sogar wesentlich mehr von ihm erwartet.

Und da diese Concerti in ihrer schlicht komponierten Art recht simpel daher kommen, werden sie fälschlicherweise als einfach abgestempelt und bereits in einer frühen Phase der Instrumentalausbildung unterrichtet.

Für jeden jungen Violinschüler ist dann zwar ein Meilenstein geschafft, wenn er endlich eines der 3 gängigen Konzerte (G-Dur, op. 3 Nr. 3, a-Moll op.3 Nr. 6 oder g-Moll op. 12 Nr.1) beherrscht, aber warum sich jetzt noch länger mit Vivaldi aufhalten, wenn man doch endlich Haydn, Mozart oder gar Paganini spielen können will, frei nach dem Motto des letztgenannten: höher, schneller, weiter.

In einer fortgeschrittenen Phase können sich manche, die sich trauen, auch noch für die vier Jahreszeiten begeistern, aber meistens wars das dann mit Vivaldi.

 Dass aber die auf den ersten Blick unspektakulär wirkenden Concerti von Vivaldi so viel mehr zu bieten haben, dass jedes einzelne von ihnen ein musikalisches Feuerwerk beinhaltet und von seinem Interpreten nicht nur harmonisches Verständnis, eine breite Palette von Klangfarben, Kreativität bei Verzierungen und nicht zuletzt einen guten Geschmack verlangt, das wissen wir, seit sich Forscher und Musiker intensiv mit historischer Aufführungspraxis beschäftigen.

 Eines dieser Feuerwerke werden Sie im März mit dem 2. Konzert aus der Sammlung op.12 La Stravaganza erleben.

Zwar lässt hier Vivaldi seinem Solisten in den beiden Ecksätzen eher wenig Spielraum zum aus- und verzieren als in vielen seiner anderen Konzerten, jedoch revanchiert er sich im herrlich gestalteten 2. Satz, in dem sich der Solist quasi bei jeder Phrase frei bewegen darf, ohne dabei vom Orchester “gestört” zu werden.

Aber ich will ja nicht zu viel verraten, sondern lieber noch etwas zur Bach-Vivaldi Beziehung sagen:

Wie bereits erwähnt war Bach in seinem ganzen musikalischen Schaffen innovativ und vor allem auch gegenüber seinen Kollegen und deren Techniken sehr offen.

Er schrieb nicht nur Werke anderer Komponisten ab um sie zu studieren, sondern transkribierte sie auch und verarbeitete sie für seine Zwecke weiter: sein Orgelkonzert BWV 596 ist eigentlich Vivaldis Concerto Grosso op.3 Nr.11 in d-moll für zwei Violinen und Violoncello, das Konzert für 4 Cembali BWV 1065 ist eigentlich Vivaldis berühmtes Concerto op.3 Nr.10 in h-moll für 4 Violinen)

 Bach kannte also Vivaldis Werke und muss diese auch sehr geschätzt haben, denn natürlich gibt es außer den beiden oben genannten noch viele weitere Werke, in denen Vivaldis Einfluss deutlich hör- und spürbar ist.

Für mich zählen die Violinkonzerte von J.S. Bach ebenfalls dazu und Sie werden sicherlich verstehen, was ich meine, wenn Sie am 18.12.2016 beim Weihnachtskonzert des Bach Ensemble Luzern im KKL das wunderbare E-Dur Violinkonzert BWV 1042 von Bach hören.

 Ich freue mich auf jeden Fall erst einmal riesig darauf, bei diesem schönen Programm mit Franz Schaffner und dem hervorragenden Solist Daniel Dodds und dem ganzen Bach Ensemble musizieren zu dürfen.

Simone Strohmeier